Der protestantische Vorstoß

Bekehrung von Katholiken in Lateinamerika

Streifzug auf katholischem Boden: Streifzug auf katholischem Boden: Auf der Weltkarte der Religion ist Lateinamerika scharlachrot gefärbt: Es ist traditionell römisch-katholisch. Aber der Kontinent erfährt gerade eine Veränderung in seiner religiösen Färbung - in der Hauptsache, weil engagierte Protestanten das Land im Namen eines persönlichen Jesus einnehmen. Demographen errechnen, daß aggressive "Evangelische" - die meisten davon sind unabhängige Pfingstler oder Fundamentalisten - in jeder Stunde 400 lateinamerikanische Katholiken bekehren. Die Karte wird dort "Bibel-schwarz" gefärbt.

Nach neuesten Studien gehören jetzt etwa ein Achtel der 418 Millionen Lateinamerikaner protestantischen Sekten an. In Guatemala sind 30% der Bevölkerung in solchen Sekten organisiert. In Brasilien, dem angeblich größten katholischen Land, so sagt man, gibt es fast viermal so viele evangelische Pastoren und Laienprediger wie katholische Priester. Der Trend ist eindeutig: Seit den Massentaufen durch die eroberten Spanier vor vier Jahrhunderten hat Lateinamerika nicht mehr eine solche Woge von christlichen Bekehrungen gesehen. Heute jedoch kämpfen Christen gegen Christen um die Eroberung, und Rom ist offensichtlich ziemlich verblüfft. "Der Sektenfrühling", warnt Lucas Moreira-Neves von der vatikanischen Bischofskonferenz, "könnte dem Winter für die katholische Kirche gleichbedeutend sein."

'Reagan-Kult': Der Wettstreit geht nicht nur um Seelen. Die Evangelischen sind politisch eher konservativ eingestellt. Ihre Pastoren werten die katholische "Theologie der Befreiung" als marxistisch ab. So wird in Chile, wo die katholischen Bischöfe in öffentlicher Opposition zum Militärregime von Präsident Augusto Pinochet Ugarte stehen, die Regierung von den Sekten im allgemeinen unterstützt. Deshalb bezeichnen die Katholiken diese Sekten als "Reagan-Kulte". Kürzlich hatten die katholischen Kirchenoberen auch den Vorwurf gemacht, Ausbreitung der Sekten sei "Teil der geopolitischen Strategie der Vereinigten Staaten". Besonders gespannt ist die Lage in Mittelamerika, wo die Sekten von politisch konservativen Fernsehpredigern aus den Vereinigten Staaten sowohl ideell als auch finanziell unterstützt werden - insbesondere von Jimmy Swaggert, dessen Erweckungsshows so perfekt ins Spanische übertragen werden, daß viele Zuschauer meinen, er sei Spanier.

Tatsächlich ist die katholische Kirche Lateinamerikas ein wackliger Goliath, der einem evangelischen David in seinem Aufstieg begegnet. In vielen Bezirken gibt es nur einen Priester, um 10.000 Gläubige zu versorgen, und die Messen sind zu einem unpersönlichen Supermarkt der Sakramente geworden. In Kolumbien sind die Priester von Bogotas großer Kathedrale im Zentrum froh, wenn sich 50 Katholiken am Sonntag zeigen. Die brasilianische Kirche umfaßt 105 Millionen Mitglieder, aber nur 12% nehmen an der Sonntagsmesse teil. "70% der lateinamerikanischen Bevölkerung sagt, sie sei katholisch", stellt der brasilianische Bischof Boaventura Kloppenberg fest, "aber sie sind in Wirklichkeit unentschieden." Bischof Karl Josef Romer von Rio de Janeiro sagt: "Jesus Christus hat eine bessere Kirche verdient."

Die Evangelischen sind derselben Meinung. Ihre Kirchen mögen arm sein, aber ihre Mitglieder sind hervorragend diszipliniert und sehr stark motiviert. Deshalb, so sagt Walter Brunelli, Direktor eines Pfingstler-Seminars in Sao Paulo, ist es die religiöse Wirklichkeit in Brasilien, daß die evangelischen Kirchen aus 25 Millionen "praktizierenden" Christen bestehen, verglichen mit 20 Millionen "hörigen" Katholiken. Dies Bild ist identisch mit dem in Guatemala. Dort gehört die Hälfte der indianischen Bevölkerung den Pfingstlern an, und gegen Ende dieses Jahrhunderts, so sagt Rev. Guillermo Galendo, Präsident der Evangelischen Allianz, voraus, wird der Großteil der Guatemalteken evangelisch sein. Bischof Mario Rios Montt hat seine eigene Vorhersage: Guatemala, so sagt er, könnte sich "in einem religiösen Krieg", ernster als unser politischer Krieg, wiederfinden.

"Überquellende Städte": In den meisten Ländern bleiben die ländlichen Gegenden katholisch. Aber im letzten Viertel dieses Jahrhunderts sind die Städte angeschwollen durch die Massen von Landarbeitern, die Arbeit suchten oder vor dem Guerilla-Krieg flüchteten. Aus ihren Familien entwurzelt, gezwungen, in den Slums zu leben, der Kriminalität und gelegentlichen offiziellen Plünderungen ausgeliefert, wenden sich die Armen den Sekten zu: Dort haben sie Gemeinschaft und Hoffnung. Viele Pfingstlergemeinschaften sind kaum größer als eine größere Familie, und in diesen Kreisen finden die Besitzlosen einen sehr persönlichen Jesus. "Was der Mensch braucht", sagt Brunelli, "ist Kontakt mit Gott."

Färben sie Bibel-schwarz: Pfingstler in GuatemalaFärben sie Bibel-schwarz: Pfingstler in GuatemalaIn Pfingstgemeinden besteht dieser Kontakt darin, überschwenglich zu tanzen und gefühlvoll zu singen. "Die Evangelischen in unserem Dorf waren glücklich, und ich mochte ihren Gesang", sagt Isidra Chuxil, eine indianische Frau aus Guatemala, die vor sechs Jahren bekehrt wurde. "Später gab mir die Gemeinde Antworten auf Probleme wie Ehebruch und Alkoholismus." Tatsächlich üben die Evangelischen aufgrund ihrer strengen moralischen Maßstäbe eine derartige Anziehung aus. "Hat ein Mann einmal sein Leben an Jesus übergeben", sagt der argentinische Evangelist Luis Palau, "entdeckt er, daß er aufhören kann zu saufen und den Frauen nachzustellen." Für die Frauen dort ist solch ein Wandel im männlichen Verhalten Beweis genug, daß Jesus errettet.

Für viele Katholiken erfordert der Beitritt zu einer Sekte keinen echten Bruch mit der Vergangenheit. Der Schicksalsglaube im populären Katholizismus, der zu Gebeten an Heilige um Wunderheilungen oder Bewahrung ermuntert, wird ganz einfach auf einen allmächtigen Jesus übertragen. Aber viele dieser Sekten glauben auch an das Tausendjährige Reich und verkündigen die baldige Wiederkunft Christi zur Erde - und dadurch wird eine passive Antwort auf die soziale Ungerechtigkeit unterstützt.

"Ich habe nichts auf dieser Welt als eine Wohnung in der nächsten", bekundet ein bekanntes Lied. Diese Gesinnung schmerzt die Verfechter der Theologie der Befreiung, wie Brasiliens Kardinal Aloisio Lorscheider. Dennoch ist er einer der wenigen lateinamerikanischen Bischöfe, der die zum Protestantismus Übergetretenen nicht als einen totalen Verlust betrachtet. Lorscheider: "Ich werde nicht gerettet sein, nur weil ich Katholik bin."

Die Misere ist, daß viele Sekten predigen, daß Katholiken überhaupt nicht gerettet sind. Und sie predigen diese Botschaft an Straßenecken, in Bussen und in den Slums von Tür zu Tür. "Sie erzählen ihnen, daß der Papst das Tier aus der Offenbarung ist oder daß die Kirche eine satanische Institution ist", beklagt Erzbischof Romás Arrieta aus San José, Costa Rica. Die Evangelischen beherrschen auch schon die religiösen Programme der Massenmedien in Mittelamerika; allein ein Radionetz in Costa Rica produziert mehr als 2000 evangelische Sendungen pro Monat.

"Gegenbewegung": Nach und nach ermuntern die Bischöfe in einigen Ländern ihre Herden, in der Kirche zu singen und in die Hände zu klatschen, als eine Anstrengung, der Messe allmählich eine pfingstlerische Wärme beizubringen. Andere schicken ihre Leute hinaus, um die Straßen für die katholische Kirche einzunehmen. Aber es scheint, daß nur Papst Johannes Paul II. große Massen in der Art und Weise zusammenbringen kann, wie es dies ein Fernsehevangelist aus den Staaten, Swaggert, schafft. In der Tat füllen die Sekten bereits Stadien. Ganz anders als bei den aktiven Katholiken ist es nicht ihr Ziel, die Gesellschaft umzugestalten. Sie bieten den Armen einen zeitlichen Schutz - und eine Hoffnung auf ein Leben danach, das besser sein muß als dies hier und jetzt.

Kenneth L. Woodward mit
Penny Lernoux in Colombia, Mac Margolis in Brasilien und Büroberichte

Quelle: Newsweek, 1.9.1986, S. 44/45